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Warum alle Blau lieben

 Jeden Monat denke ich: Dieses Mal mache ich mit, dieses Mal bin ich dabei. Und immer kommt etwas dazwischen. Entweder eine für mich untragbare Farbe („Weiss“ —> darin sehe ich aus wie ein Camenbert), eine fiese Grippe (Hatschi!) oder einfach nur der ganz normale Alltagswahnsinn. Doch jetzt, im sechsten Anlauf, hat es geklappt. #12coloursofhandmadefashion, here I am! Heute machen wir es mal anders als sonst: Ich erzähle Euch nur ganz kurz, was ich genäht habe, denn – abgesehen vom hier benutzten Hamburger-Liebe-Stoff „Dotties“ – wisst Ihr schon alles über den Schnitt. Mal wieder ein Turner Dress von Cashmerette, dieses Mal mit Kappärmelchen. (Weitere Varianten meines Lieblingsschnittes findet Ihr hier und hier.)

Dafür nun ein paar Gedanken zu „blau“. Blau ist nicht gleich Blau. Ich persönlich mag warme Töne, mit Grau- und Lavendelanteilen, immer gerne auch in Kombination mit einem Splash anderer (warmer!) Farben. Mit Türkis, Hellblau oder Royal könnt Ihr mich hingegen jagen. Und zwar bis zum Nordpool, wo sogar das Eis kaltblau glitzert 😛

Blau ist aus kulturhistorischer Sicht übrigens eine hochspannende Farbe. Wusstet Ihr, dass man bis in die frühe Neuzeit kleine Mädchen in Blau gekleidet hat, während die Jungs Rosa trugen? Blau, das war nach christlicher Auslegung die Farbe der Unschuld. Achtet mal darauf, auf wie vielen historischen Gemälden Maria einen blauen Mantel trägt. Babyjesus ist – wenn er denn was trägt – immer in Rosa gewandt. Rosa war das „kleine“ Rot. (Rot = die kerligste und gleichzeitig königlichste aller Farben, Symbol für Blut, Macht, Aggression, Männlichkeit blablaba.) Interessant, oder? Und wenige Jahrhunderte später können kleine Buben nicht mehr aus rosa Bechern trinken, weil ihnen sonst das „Schnäbeli“ abfällt… Ihr merkt, es ist einer dieser #facepalm – Momente.

Blau war (und ist) die Farbe für jeden und jede Gelegenheit. Es ist weniger formal als Schwarz, es ist fleckunempfindlich (Müttertrick: Flecken einfach nur einreiben). Der globale Siegeszug von Blau erklärt sich auch durch die Tatsache, dass Blautöne – im Vergleich zu brillianten Rottönen – vergleichsweise leicht zu färben waren. In Europa hantierte man jahrhundertelang mit Färberwaid, einer gelbblütigen Pflanze. Die Waidblätter wurden zerstampft und in der Sonne getrocknet. Blaufärberei war IMMER Schönwetterfärberei. Die getrockneten Pflanzenbestandteile kamen dann in einen flachen Bottich. Aufgefüllt wurde mit menschlichem Urin (!). Die Brühe blieb tagelang in der Hitze stehen, bis ein Gärprozess einsetzte. Der dabei entstehende Alkohol löste den Indigo-Farbstoff aus den Pflanzenzellen. Die Färbergesellen hatten lediglich die Aufgabe, den Stinkematsch gelegentlich umzurühren. Die Restzeit lagen sie auf der faulen Haut, machten „blau“. Kein Witz, das ist der etymologische Ursprung der Redensart. Ich erspare Euch jetzt die weiteren Farbgewinnungsschritte. Am Schluss schwamm dann Schimmel auf den Bottichen. JETZT konnte man den Stoff färben.

Wenn Ihr Euch übrigens fragt, warum ich das alles weiss, hier die Antwort: Nein, ist nicht gegoogelt, sondern ganz old-fashioned angelesen. Ich interessiere mich schon seit vielen Jahren für die kulturgeschichtlichen Hintergründen von Farben und habe im Laufe der Zeit das eine oder andere Buch zum Thema angeschafft.

Stoff: Dotties (Hamburger Liebe)

10 Kommentare

  1. Wie interessant! Ich weiß zwar wie gefärbt wurde, aber das kleine Mädchen früher blau trugen und es die Farbe der "Unschuld" ist, war mir neu. Wirklich interessant.

    Dein Kleid finde ich auch super! ♥ Steht dir richtig gut.

    Liebe Grüße
    Jenni

  2. was für ein schönes kleid, liebe bettina! und die sache mit dem blau kannte ich auch schon… allerdings von der sendung mit der maus ��

    lg annelie.

  3. Wie spannend! Ich habe mich noch nie auf diese Weise mit Blau auseinander gesetzt, ich weiß nur dass ich blau liebe und gut 80% von meinem Schrank blau ist. Dein Kleid ist toll, das blau wunderschön und Fotos super!
    Liebe Grüße,
    Lee

  4. Donnerwetter, du siehst wieder hinreißend aus! Aber Blau scheint mir fast ein bisschen zu "unschuldig" für dich. Du bist wirklich ein echter Rot-Orange-Typ! 😉
    Liebe Grüße, Ulrike

  5. Vielen lieben Dank für deinen spannenden Blogpost! Ich schlage esse mich dann Eveline an, wenn sie die Farbbücher abstauben kommt.😉 Ich selber non sehr heikles bei blau, inzwischen erahne
    ich aber auch warum – weil gewisse Blautöne einfach nicht für mich gemacht sind. Und weil ich es schon als j Kind so störend fand, dass Maria immer blau gewandet ist, habe ich sie zeichnend immer rot gekleidet, da zeigte sich wohl bereits die feministische Theologin in mir.😂
    Glg Kathrin

  6. Vielen Dank für deinen Exkurs zur Färbereigeschichte. Finde ich hochgradig spannend. Vielleicht staub ich mal ein paar "Farbbücher" bei dir ab. Ebenso habe ich Hochachtung davor, wie genau du deine Farben kennst. Das Lavendelblau mag ich sehr an dir. Das Türkis- Hell- und Royalblau kannst du hingegen gerne zu mir rüber schicken.
    Den Turner Schnitt – davon bin ich nach wie vor überzeugt – ist DEIN Schnitt! Der steht dir so was von gut. In real noch viel besser als auf den Bildern. Und diese werden beim nächsten Mal auch besser, versprochen.
    Grüessli mit hochalpiner Seesicht
    Eveline

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