Nähen
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Freischwimmer

Kennt ihr dieses Emoji mit den Herzchen-Augen? Ja? Okay – dann wisst ihr schon ziemlich genau, wie mein Näh-Freundeskreis auf die Badesachen reagiert hat, die ich für meine Töchter gemacht habe. Sehr schmeichelhaft.

„Versuch‘ es doch auch mal!“, ermutigte ich die Damen daraufhin. Ihre Reaktionen ähnelten dann jeweils dem Smiley mit den zusammengekniffenen Augen und der herausgestreckten Zunge. Oder dem mit dem Edvard-Munch-Gesicht: Angstschweiss, Schnappatmung, blankes Entsetzen.

Da ich vermute, dass es euch da draussen ganz ähnlich geht, habe ich mir fest vorgenommen, euch die Furcht zu nehmen. Lasst uns zu allererst über das Material reden. Ja, Lycra (in englischsprachigen Ländern Spandex genannt, ist aber dasselbe) ist so flutschig wie ein nasser Aal.  Aber – und nun kommt das Positive – der Fisch ist keinesfalls lebendig, sondern sehr tot. Heisst: Obwohl das Material glatt und rutschig ist, bleibt es dennoch schön unter dem Nähfuss liegen. Ihr braucht weder eine spezielle Sohle, noch einen besonderen Faden, um Lycra zu verarbeiten. Heftmarathons sind auch nicht nötig. Stecknadeln reichen vollkommen aus, um die Schnitteile zusammenzuhalten.

Das gelingt besonders gut, wenn ihr den Stoff mit dem Rollschneider ausschneidet. Das von mir verwendete (und sehr!) zu empfehlende Schnittmuster „Cosi Swimsuit“ von Sewpony Vintage (deutsche Übersetzung gibt es natürlich bei Näh-Connection) macht es einem diesbezüglich besonders leicht. Die Nahtzugabe ist nämlich schon enthalten. Also Papiervorlage auflegen, Kanten und grosszügige Kurven rollschneiden, den Rest mit der Schere trimmen – fertig.  Je nachdem, für welche der unzähligen im Schnitt enthaltenen Varianten ihr euch entscheidet, müsst ihr die Teile noch zusammennähen (siehe Retro-Bikini mit hoher Taille – oder Badeanzug mit Schösschen) – oder ihr könnt euch gleich den Rändern widmen. Ehrlicherweise ist es von Vorteil, wenn man einen Overlock hat. Aber es ist kein Muss.

Die Beinausschnitte bzw. der Halsausschnitt werden von links mit einem dünnen Gummiband verblendet. Dann klappt man das Gummiband gewissermassen nach innen und fixiert es mit einer Zwillingsnaht (Jersey- oder Tricotnadeln). Ich konnte es anfangs kaum glauben, aber man muss das Gummi beim Annähen kaum dehnen, da das Lycra bereits eng anliegt. 

Wo ich beim nächsten (und für den Näherfolg) wichtigen Thema wäre: Ich weiss, wir alle nähen schrecklich gerne gross, damit das Kind auch was davon hat. Bitte widersteht diesem Impuls bei Badesachen. Bei meiner Kleinen kann man gut sehen, wie ein Badeanzug aussieht, wenn man doch besser eine Grösse kleiner gemacht hätte. Da das Kind so skinny ist, schlabbert’s ein wenig im Kreuz. Nicht schlimm, Hauptsache, die Pobäckchen sind eingepackt.

Ich persönlich störe mich oft an Kinderbadekleidern, die von der Schnittführung her zu knapp ausfallen. Und glaubt mir, ich bin nicht prüde. Ich finde einfach nur, dass Kinder Kinder sein sollten – und keine Lolitas. Die Designerin des Schnittmusters „Cosi Swimsuit“  sah das scheinbar ähnlich und hat eine Vielzahl von Möglichkeiten zusammengestellt, die alle kindgerecht sind. Mir gefällt besonders der Retrotouch der Unterteile, die fast wie Miederhosen bis weit über dem Bauchnabel enden. Das diese Höschen etwas Falten schlagen, ist durchaus gewollt, ein augenzwinkerndes Zitat der 1950er Jahre.

Ein letztes Wort zu den Stoffen: Ich habe die Designs alle in Australien bei Boo! Designs bestellt. Es wäre sicherlich einfacher gewesen, in Europa zu ordern, aber meine Überlegungen waren Folgende: In Downunder ist das Nähen von Bademoden viel verbreiteter als bei uns. Dort fürchtet man sich nicht und erstarrt auch nicht vor Ehrfurcht – dort macht man einfach. Umgekehrt heisst das, dass die Stoffhersteller schon von Beginn an gute Ware liefern. Der Stretchwert stimmt, die Druckqualität ist exzellent – und einigermassen farbecht. Chlorbäder schaden ebenso wenig wie Salzwasser (sagt zumindest meine australische Bloggerfreundin Thao von Little Cumquat). Und jetzt das Killerargument: Die Stoffe aus Downunder haben den sehr hohen textilen Lichtschutzfaktor 50. Da hier noch ein kleiner Berg (Matterhorn!) davon liegt, gibt es sicher noch mehr Badehöschen und vielleicht auch noch den einen oder anderen Rash Guard.

Fazit: Have no fear und schwimmt euch endlich frei von der Lycra-Angst.
Wir sehen uns dann in der Seebadi…
Herzlich
Bettina

3 Comments

  1. Nachdem ich meinem Gottemeitli am Wochenende ein Kürröckchen für Eiskunstlauf nähen musste, hat sie gleich auch einen Badeanzug gefordert – und ich hab erschreckt abgewinkt. Dies vor allem, weil ich das Annähen der Gummibänder am Beinabschluss so furchtbar fand. Ich habe eine Babylock enlighten und hab gedacht, nun hab ich schon den tollen Gummibandfuss, noch nie gebraucht, nun nütz ich ihn auch. Das Ganze hat am Schluss zwar geklappt, war aber ein rechtes Gefummel und ich konnte die Dehnung kaum bestimmen, ich musste zweimal auftrennen da zu eng. Hast du da einen Tipp? Oder machst du das eben so wie oben beschrieben mit Aufnähen/umklappen mit der normalen Maschine und ignorierst hier ausnahmsweise mal die Möglichkeiten der Overlock? Und: coole Badehosen! Vielleicht trau ich mich ja doch noch.. Liebe Gruess, Anita

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